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Zwei Nächte nach Halloween – Sizilianische Sitten und Gebräuche

Zwei Nächte nach Halloween – Sizilianische Sitten und Gebräuche

Vor der Halloween-Welle gab es auf Sizilien einen ganz eigenen Brauch: An Allerseelen brachten die Verstorbenen den Kindern Geschenke. it-sprachvermittler.de erinnert an i motti – eine fast vergessene sizilianische Sitte, die vom amerikanischen Kürbiskult überrollt wurde.

Zwei Nächte nach Halloween – sizilianische Sitten und Gebräuche

Am 31. Oktober ist Halloween mittlerweile auch in Europa eine fast „feste Größe” geworden, ob wir es wollen oder nicht. Halloween ist aus den Köpfen mancher Menschen nicht mehr wegzudenken: Das Fest macht vor Europas Pforten keinen Halt mehr. Sogar die Kirche ist machtlos gegen die neue „Faschings- oder Verkleidungsmode” aus Nordamerika.

Sizilianischer Friedhof zu Allerseelen – Gräber mit Blumen geschmückt
Sizilianischer Friedhof – Allerseelen ist auf der Insel eine besondere Zeit.

Jetzt wird es richtig kompliziert. In diesem Blog reichen zwei Sprachen (Italienisch und Deutsch) nicht mehr – gleich kommt eine dritte hinzu: Sizilianisch. Es geht um die Erzählung eines seltsamen Brauchtums auf der Mittelmeerinsel Sizilien, das vor der Halloween-Ära Anfang November weit verbreitet war – ja, war (!). Halloween hat diese sizilianische Sitte gewissermaßen buchstäblich „ins Jenseits befördert”.

Tja, eine toterklärte sizilianische Sitte. Sicher ganz tot.

„I motti” – die Toten kommen an Allerseelen

Das Ganze spielte sich auf Sizilien in der Nacht vom 1. auf den 2. November ab. Man feiert dort „la festa dei defunti” – oder auf Sizilianisch schlicht „i motti” (die Toten, Verstorbenen; hochitalienisch „la commemorazione dei defunti”, auf Deutsch Allerseelen). Wir bewegen uns also im Bereich der Verstorbenen, die an Allerseelen wieder „aktiv” werden …

Grabsteine und Erinnerungsschmuck auf einem sizilianischen Friedhof
Erinnerungskultur auf einem sizilianischen Friedhof – Gräber als Treffpunkt mit den Verstorbenen.

Es wird nicht nur sprachlich, sondern auch kirchlich kompliziert. An Allerseelen gedenkt die römisch-katholische Kirche ihrer Verstorbenen: Viele besuchen die Gräber auf dem Friedhof. Das kennt man in Süddeutschland in vorwiegend katholischen Gegenden – soweit nichts Neues.

Was die wenigsten von uns dennoch wissen: Vor der Halloween-Ära haben auf der Mittelmeerinsel die toten Angehörigen sizilianische Kinder mit Geschenken reichlich beschert.

Mit Blumen und Kerzen geschmücktes Grab auf einem sizilianischen Friedhof zu Allerseelen
Allerseelen-Stimmung: Blumen, Kerzen und die Hoffnung, den Verstorbenen nahe zu sein.

Geschenke aus dem Jenseits – Puppen, Bälle und Fahrräder

Ganz makabre Sitten hegen und pflegen die Sizilianer, werden die meisten unter uns stirnrunzelnd behaupten. Die Vorstellung, dass Dein verstorbener Großvater Dir ein Geschenk aus dem Jenseits an Allerseelen – sprich in der Nacht vom 1. auf den 2. November – mitbringt, wie auch immer dieses Geschenk aussehen mag, ist schaudererregend genug. Was für Geschenke haben die toten Familienmitglieder oder Verwandten sizilianischen Kindern aus dem Jenseits mitgebracht?

Tja, sehr klassisch und „very straight”: Mädchen wurden mit Puppen, einer Puppenküche oder einem neuen Rock für den Sonntagsspaziergang beschert; Buben bekamen einen Spielball, ein Fahrrad oder ein Spielzeug-Gewehr. Geschenkt wurde vorwiegend Spielzeug.

Die Zeiten ändern sich – und mit ihnen Geschmäcker und Moden. Einst warteten sizilianische Kinder das ganze Jahr ungeduldig auf „i motti” (Allerseelen). Die Kinder warteten auf die Geschenke, die der verstorbene Onkel oder Großvater mitgebracht hatte – und achteten penibel darauf, dass sie ihre Augen nicht öffneten. Sonst wäre ein Kratzer auf den Füßen die harte Strafe gewesen.

Der Tod als Teil des Lebens

Sizilianischer Friedhof bei Sonnenuntergang – stille Allerseelen-Stimmung
Sizilianischer Friedhof bei Sonnenuntergang – Erinnerung, Stille und Brauchtum.

Da der Tod ein Teil des Lebens ist, diente dieses sizilianische Brauchtum vielleicht dazu, Kindern eine positive Vorstellung vom Tod zu vermitteln. Nach dem Motto: Deine verstorbene Großmutter lebt noch im Jenseits – wofür es zwar keinerlei wissenschaftliche Belege gibt – und liebt Dich, Enkelkind, noch immer so sehr, dass Du am Morgen des 2. November ein Geschenk von ihr bekommst. Ganz lieb – und doch gespenstisch zugleich.

Wer die „Hintergrundarbeit” für die Toten aus dem Jenseits geleistet und die Geschenke für die sizilianischen Kinder in der guten Stube an Allerheiligen versteckt hat, werden wir hier auf keinen Fall verraten. Es dürften jene sein, die auch dem Nikolaus am 6. Dezember und dem Christkind an Weihnachten bei der Bescherung aushelfen.

Vom lebendigen Brauch zur „toten Sitte”

Moderne Kinder – geschweige denn digital natives – auf der süditalienischen Insel kennen das „Fest der Toten” („i motti” auf Sizilianisch) kaum noch. Wenn keiner mehr über dieses sizilianische Brauchtum erzählt, schreibt oder berichtet, wird es für immer als toter Brauch erklärt – es sei denn, diese Sitte wird früher oder später von der UNESCO in die repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Sizilianer aufgenommen (das immaterielle Kulturerbe der Menschheit wäre eindeutig zu übertrieben!).

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