Tag 20 des italienischen Corona-Lockdowns. In Rom stehen Menschen 3,5 Stunden vor dem Supermarkt. Eine kleine Geste – ein Meter Vorrücken in der Schlange – wird zum Sinnbild für Solidarität. Davide Parisi von it-sprachvermittler.de übersetzt das berührende Gedicht von Antonella Pavasili ins Deutsche.
Tag 20: Stundenlang vor dem Supermarkt
Es erreichen uns Meldungen aus „erster Hand” von italienischen Freunden aus Rom, die sage und schreibe 3,5 Stunden für den wöchentlichen Einkaufsgang in den Supermarkt brauchen. Eine echte Geduldsprobe für diejenigen, die bei jeder Witterung und in jeder Altersklasse vor dem Supermarkt in der Menschenschlange warten – nicht nur mit Atemschutzmaske und Handschuhen „bewaffnet”, sondern auch mit einer außerordentlichen Duldsamkeit, die jeden Yoga-Meister und Meditationsguru erblassen lässt.
Solange Italiener nur mit Maske und Handschuhen unterwegs sind, ist die Lage noch im grünen Bereich. Leider liest man in den italienischen Medien (siehe → la Repubblica) bereits Meldungen von verzweifelten Süditalienern aus Palermo, die Supermärkte stürmen wollen. Der O-Ton eines verzweifelten Vaters:
„Wenn meine Tochter kein Stück Brot essen kann, stürmen wir die Supermärkte.”
Genau um diese Stimmung aus dem Alltag im Covid-19-Ausnahmezustand geht es im folgenden Gedicht, das it-sprachvermittler.de für Sie aus dem Italienischen ins Deutsche übertragen hat.
Immaterielle Geschenke wiegen mehr
Immaterielle Geschenke wie Solidarität, Zusammengehörigkeitsgefühl, Unterstützung der Schwächeren und Älteren, Eintreten füreinander sowie das „Wir-Gefühl” sind in Zeiten des Corona-Virus oft viel mehr wert als materielle Güter wie unsere Einkäufe im Supermarkt. Was hilft einem selbstsüchtigen Menschen, wenn sein Kühlschrank und seine Küchenschränke voller Lebensmittel sind, wenn er mutterseelenallein, übergewichtig und satt „in seinem Egoismus ertrinkt”? Wir überlassen der Nachwelt das Urteil.
Vor dem Supermarkt – eine Szene
In der Menschenschlange vor einem Supermarkt irgendwo in Italien. Alle warten diszipliniert und schweigend bei gebotenem Sicherheitsabstand.

Er verschenkte ihm einen Meter – ein Gedicht
ER VERSCHENKTE IHM EINEN METER
Die Augen eines alten Mannes in der Schlange vorm Supermarkt.
Ein langsamer Nieselregen. Kein Supermarktvordach als Regenschutz.
Mit einer Hand hält er einen Regenschirm, mit der anderen einen leeren Einkaufswagen.
Vor ihm die Menschenschlange: Männer und Frauen bei sicherem Abstand.
Alle schweigen. Die Stille wird nur vom Quietschen der Einkaufswagen unterbrochen, die sich dem Eingang nähern.
Ein kurzes Kopfnicken ersetzt das Lächeln von früher. Das Lächeln wird von den Atemschutzmasken verschluckt und vom Kummer erdrückt.
Die Augen eines alten Mannes.
Alte Augen, durch Zeit und grauen Star voller Tränen.
Verblasst vor Schmerz, beraubt von Erinnerungen und Hoffnung.
Ängstlich, verirrt, verloren im Labyrinth eines ungerechten und unerwarteten Albtraums.
Die Augen eines alten Mannes.
Von seinem Platz in der Schlange rührt sich der alte Mann nicht und verstummt in seiner unermesslichen Verzweiflung.
Er bewegt sich einen Meter vorwärts. Noch zwei Meter, und er ist dran.
Sein Blick ist abwesend. Seine Augen sind tränenreich und hungrig nach Leben.
Noch ein Meter, und es regnet stärker. Er kuschelt sich in seine abgetragene Jacke.
Einen Meter vor dem alten Mann steht ein junger Mann, der sich umdreht, ihn sieht und ihm winkt: Er soll seinen Platz einnehmen.
Der junge Mann grinst. Sein Lächeln wird von der Atemschutzmaske kaschiert.
Mit den Augen lächelnd schiebt er seinen Einkaufswagen zurück. Er läuft nach hinten.
Einen Meter. Er verschenkte ihm einen Meter.
Die Augen eines alten Mannes. Sie erwachen wieder zum Leben.
Der alte Mann weint vor Freude. Er ist ergriffen und gerührt.
Die Atemschutzmaske bewegt sich.
Darunter ist ein geflüstertes Dankeschön hörbar, das durch einen Kloß im Hals erdrosselt wird.
Unter der Maske versteckt sich die Dankbarkeit – und ein Lächeln der Hoffnung.
Das ganze Grau drum herum wird farbig.
Die Augen eines alten Mannes.
Die Augen eines jungen Mannes.
Und ein Meter. Er verschenkte ihm einen Meter.
Ein Meter, der Leben, Hoffnung und Liebe wert ist …
Übersetzung aus dem Italienischen: it-sprachvermittler.de – beglaubigte Übersetzungen Deutsch ⇄ Italienisch für Privatpersonen. Quelle der italienischen Originalfassung → Antonella Pavasili (Facebook).
#AndràTuttoBene – Schützen Sie sich, damit Sie andere schützen
In diesem Sinne üben Sie sich in Altruismus und Empathie, so viel Sie können – das tut Ihnen und besonders Ihren Mitmenschen in diesen Tagen gut. Bleiben Sie bitte zuhause: Schützen Sie sich, damit Sie andere schützen.
#AndràTuttoBene · #iorestoacasa · #WirBleibenZuhause · #StayAtHome · #YoMeQuedoEnCasa · #Jeresteàlamaison



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