Italiens neue postfaschistische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni lässt sich offiziell als „il Presidente” (männlich) ansprechen – nicht als „la Presidente” oder „la Presidentessa”. it-sprachvermittler.de über Sprache, Machismo und das Patriarchat in der italienischen Grammatik.
La Presidentessa, die „il Presidente” sein will
Die Tatsache, dass Italiens neue postfaschistische Ministerpräsidentin – „la Presidentessa del Consiglio dei Ministri” wäre die angebrachte offizielle Anrede – Giorgia Meloni beschlossen hat, sich als „Ministerpräsidenten” („il Presidente”) und nicht als „Ministerpräsidentin” („la Presidente” oder „la Presidentessa”) offiziell ansprechen zu lassen, hat eine starke symbolische Bedeutung.
Sprache, die unser Wertesystem formt
Der Kampf um eine inklusive Sprache ist kein trockener und nutzloser Kampf. Es sei aus zwei Gründen vehement widersprochen, wenn behauptet wird, es gäbe wichtigere Dinge im Leben und in der Gesellschaft als eine inklusive Sprache zu verwenden oder so angebracht wie möglich zu gendern: Der Kampf um eine inklusive Sprache nimmt anderen Kämpfen um Gleichstellung der Geschlechter weder Wert noch Energie weg.
Im Gegenteil: In den allermeisten Fällen sind Menschen, die sich für eine inklusive Sprache einsetzen, dieselben, die sich auch für andere Formen der Inklusion und Integration in der Gesellschaft einsetzen. Die Sprache bedingt unser Denken und Handeln, wie es in diesem Blogbeitrag → Begriffe, Sprache und Menschen bereits thematisiert wurde.
Wenn die Sprache nicht stimmt, stimmt das Wertesystem der Sprechenden auch nicht.
Der wichtigste Grund: Sprache kodiert die verinnerlichten Verhaltensmuster und Meinungen einer Gesellschaft. Wenn man die Sprache ändern kann, hat das Auswirkungen auf einer so tiefen Ebene, dass es viele Aspekte der Gesellschaft betrifft. Es muss uns klar sein, dass dies ein Kampf ist, der vielen zu schaffen macht – er verlangt von uns allen, dass wir einige unserer tief verwurzelten Gewohnheiten ändern. Der Sprachgebrauch bewegt die Sprechenden zu einem bestimmten Wertesystem.
Italienische Grammatik: nicht gerade frauenfreundlich
Man nehme die italienische Grammatik. Sie wurde ganz eindeutig von Männern geschrieben und erweist sich als alles andere als frauenfreundlich: Spricht man z. B. eine geschlechtsgemischte Menschengruppe im Italienischen an, soll die männliche Form in der Mehrzahl verwendet werden – und zwar ungeachtet der Tatsache, ob die Gruppe zu 99,99 % aus Frauen besteht und nur ein einziger Mann in der Minderheit dabei ist.
Lehrer*innen sprechen z. B. Schüler*innen in italienischen Gymnasien nur mit „ragazzi” (männlich Mehrzahl) an – auch wenn nur ein einziger Schüler unter lauter Schülerinnen im Klassenzimmer sitzt.
Möchte man Gruppen von Menschen unterschiedlichen Geschlechts ansprechen, gerät man dabei in große Schwierigkeiten: Einerseits möchte man allen Menschen Respekt entgegenbringen und so neutral und inklusiv wie möglich sprechen, andererseits kämpft man mit jahrzehntelang verinnerlichten, männlich-chauvinistischen Sprachgewohnheiten. Man ist hin- und hergerissen.
Doch dieses Hin- und Hergerissensein sollte uns nicht abschrecken oder entmutigen, das „Richtige” zu tun. Der Preis, den wir zahlen, die Schwierigkeiten, die wir überwinden müssen, sind ein Maß dafür, wie sehr der Machismo (maschilismo auf Italienisch) in Italien und in der italienischen Sprache verankert ist – und sollten uns umso mehr Kraft geben, ihn zu bekämpfen.
Giorgia Meloni – beste „Dienerin” des Patriarchats?
Um auf Italiens neue postfaschistische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zurückzukommen: Es muss uns bewusst sein, dass ihre offizielle Entscheidung, sich als „Ministerpräsidenten” (il Presidente del Consiglio dei Ministri) zu bezeichnen, einen starken symbolischen Wert hat. Dieser Beschluss symbolisiert, dass Giorgia Meloni den italienischen Machismo und das Patriarchat verinnerlicht hat und sich nicht wirklich für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzen wird.
Der Beginn einer sehr traurigen und rückständigen Zeit für Italien. Aus der Reihe: Wenn der Fortschritt zum Rückschritt wird.

Wie traurig ist das Gefühl, dass man sich freuen möchte, weil Italien endlich eine Frau als Ministerpräsidentin hat – und dann feststellt, dass es sich um eine Frau handelt, die Männern dient. Wie traurig ist das denn? Das italienische Patriarchat hat mit Giorgia Meloni eine verblüffende Entscheidung getroffen: seine beste „Dienerin” (ancella auf Italienisch) an die Macht zu bringen.

Hoffnungsschimmer – der „letzte Schuss” eines Systems?
Aber ein kleiner Hoffnungsschimmer wird sichtbar. Die Theoretiker kultureller Systeme haben Recht, wenn sie behaupten: Ein kulturelles System trifft zum Zeitpunkt seiner größten Schwäche die auffälligste Wahl, um seine Gegner einzuschüchtern.
So wie Al-Qaida die Twin Towers am 11. September 2001 zum Einsturz brachte – kurz bevor das islamische Terrornetzwerk verschwand –, so konnte das Patriarchat mit Meloni seinen „letzten Schuss” abgeben. Die jungen Generationen hegen zum Glück viel mehr Werte wie soziale Gleichheit, gesellschaftliche Emanzipation, Inklusion und Diversity als die älteren. Wir sollten zutiefst davon überzeugt sein, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Patriarchat in Italien „von den Rädern der Geschichte zerfetzt” wird.
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