Tag 10 im italienischen Lockdown – die Decke fällt auf den Kopf, der Mut schwindet, aber die Fantasie blüht. it-sprachvermittler.de sammelt italienische Humorgeschichten aus dem Lockdown: vom Aperitif via WhatsApp über Plastikhunde Gassi gehen bis hin zu Kindern mit ungebremster Fantasie.
Tag 10 im Lockdown: die Decke fällt auf den Kopf
Ein Tag fühlt sich wie eine ganze ereignisreiche Woche an. Man hat das Gefühl, zehn Energy-Drinks an einem einzigen Tag getrunken zu haben – ein elektrisierendes Gefühl im Kopf, der beinahe explodieren könnte. Italiener aus ihrer „häuslichen Isolation” berichten: „Mir fällt die Decke auf den Kopf nach dem 10. Tag seit der Ausgangssperre.”
Überall ist der Leitspruch dieser Pandemie zu lesen, der den Italienern Mut zusprechen soll: #AndràTuttoBene, auf Deutsch „alles wird gut”. Angesichts der Anzahl der durch das Corona-Virus verstorbenen Italiener (475 Tote allein am 17.03.2020 – Quelle: La Repubblica, Stand 18. März 2020) schwinden Mut und Hoffnung selbst der größten Optimisten dahin.
Die Verkaufsheldin an der Front
Was hat das Corona-Virus aus uns nur gemacht? Zum Glück nicht aus uns allen. Deutschland, Samstag um 19:00 Uhr in einer Filiale einer bekannten Drogeriekette: Der beängstigte, verunsicherte Kunde fragt die Verkäuferin, was für eine Packung feuchte Tücher sie gerade in der Hand hält – während die Arme vergeblich versucht, die einzige noch übrig gebliebene Packung ins leere Regal zurückzulegen. Das Zurücklegen dauert länger als sonst, weil sich die Verkäuferin – eine echte „Heldin” in dieser Zeit der Verwirrung – schwertut, die Packung zielsicher einzusortieren: Das Regal ist leer, jedes einzelne Preisschild muss gelesen werden, eine Orientierung an vorhandenen Produkten ist unmöglich. Eine neuartige „Regalauffülltätigkeit” einer „Verkaufsheldin an der Front”, die nur während einer Pandemie samt Hamsterkäufen denkbar wäre.
Aperitif im Wohnzimmer – Verabredung per WhatsApp
Lachen und eine gute Dosis schwarzer Humor spenden Mut und Zuversicht. Es erreichen uns Meldungen von Italienern „im Hausarrest”, die sich folgendermaßen über WhatsApp verabreden – ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen:
Tombola vom Balkon, neapolitanisch
Die Fantasie der Italiener ist in Katastrophenzeiten – oder vor allem dann? – außerordentlich ausgeprägt. Eine weitere Lebensepisode aus der „häuslichen Isolation”: ein neapolitanischer Senior, der vom Balkon aus mit seinen Nachbarn bei gebotenem Sicherheitsabstand „tombola” spielt – eine italienische Bingo-Variante (siehe → tombola erklärt). Der Senior brüllt seine gezogenen Zahlen laut über das Balkongeländer und beglückt damit die ganze Nachbarschaft. Tja, Italiener und Hausarrest – wie negativ geladene Elektronen, die sich gegenseitig abstoßen.
Mit dem Hund Gassi gehen – auch wenn er aus Plastik ist
Man nehme einen Italiener und stecke ihn in den Hausarrest: Du darfst nur zur Apotheke und zum Supermarkt. Nirgendwohin sonst. Das ist leichter gesagt als getan. Mit dem Hund Gassi gehen ist auch unter landesweiter Ausgangssperre meist erlaubt. Was aber macht ein älterer Italiener aus Bologna ohne Hund, der unbedingt einmal raus muss? Er denkt sich: Ich kann doch auch mit einem gelben Kunststoffhund Gassi gehen, oder? Das wird wohl auch geduldet. Ein Hund ist doch ein Hund.
Schade nur, dass der Hund nicht echt ist. Hauptsache Hund. Infolgedessen haben manche Gemeinden in Italien sogar offiziell in Verordnungen geregelt, dass der Hund „ein lebendiges Wesen” sein muss. Ach herrje! 🙊
Italienische Kinder und ihre ungebremste Fantasie
Lassen Italiener der Fantasie freien Lauf, ist die Fantasie in solchen Extremsituationen womöglich eine Überlebensstrategie? Die Frage sollte man Diplom-Psycholog*innen stellen. Sicherlich kann auch der Laie ohne Diplom-Abschluss die Frage bejahen.
Wie viel Fantasie haben italienische Kinder? Eine ganze Menge. Bei Twitter erzählt eine italienische Mutter, welche „süßen und liebevollen” Sätze ihre Tochter in den letzten Tagen über die Lippen gebracht hat:
— „Mama, ich küsse Dich nicht, weil ich nicht weiß, ob Du Corona-Virus hast.”
— „Mama, darf ich Dein iPhone haben, wenn Du tot bist?”
— „Mama, bitte keinen PIN-Code auf Deinem iPhone einstellen, weil ich es sonst nicht entsperren kann, wenn Du tot bist.”

Die Mutter versichert in ihrem Tweet ironisch, dass ihre Tochter schon vor der Corona-Pandemie „extrem nett zu ihr” gewesen sei – genauer gesagt eine echte stronza (siehe Übersetzung von stronzo/a im PONS-Wörterbuch). Tja, italienische Kinder und ihre ausgeprägte Fantasie 🙊
Schützen Sie sich, damit Sie andere schützen
In diesem Sinne: Lachen Sie, so viel Sie können – das tut Ihnen besonders in diesen Tagen gut, selbst wenn Ihnen gerade nicht danach ist. Hören Sie den Kindern zu und bleiben Sie bitte zuhause: Schützen Sie sich, damit Sie andere schützen.
#AndràTuttoBene · #iorestoacasa · #WirBleibenZuhause · #StayAtHome · #YoMeQuedoEnCasa · #Jeresteàlamaison



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