Wie kann Sprache unsere Denkweise prägen? Denken wir auf eine bestimmte Art und Weise, weil die Sprache uns dazu verleitet? Beeinflusst unser „wie wir sprechen” unser „wie wir denken”? it-sprachvermittler.de über die feinen Unterschiede zwischen Familie und famiglia, Sonne und sole, Mond und luna.
Wie prägt Sprache unser Denken?
Auf der ganzen Welt werden unzählige Sprachen gesprochen, die sich in Aussprache und Struktur, in Klang und Wortschatz unterscheiden. Es bleibt dennoch immer faszinierend zu beobachten, wie eine Sprache unser Denken sowie unser Verständnis der Welt, unserer Mitmenschen und uns selbst prägen kann.

Dieser Blogpost hat keinen Anspruch, eine Abhandlung aus dem Bereich der Kognitionswissenschaft zu sein. Die Kognitionswissenschaft erforscht unter anderem – jedoch nicht nur! – die Sprachfähigkeit der Menschen: Wie kommt es, dass Menschen in der Regel eine oder mehrere Sprachen lernen können? Wie erwerben Menschen eine Sprache? Kann Sprache zu einem bestimmten Verhaltensmuster führen?
Unser kognitives Universum – wie wir die Welt, andere Menschen und uns selbst wahrnehmen, lernen, kennenlernen, erkennen und erleben: Ist all dies bedingt durch den Spracherwerb und den Gebrauch der Sprache?
Famiglia vs. Familie – der feine Unterschied
Dass Begriffe, die sich im Deutschen und Italienischen ähnlich anhören, wie etwa „Familie” und „famiglia”, doch viel Unterschiedliches verbergen, wurde bereits in diesem Blogpost → Ach, Du Schreck! Nicht mit der ganzen famiglia! erörtert.
Auf den ersten Anhieb klingt der italienische Begriff „famiglia” harmlos: Man kann leicht erraten, dass „famiglia” wohl dem deutschen „Familie” entspricht und im Italienischen dasselbe bedeutet. Dass Italiener für die Verköstigung der ganzen famiglia eine ganze Feldküche brauchen, können Sie → hier nachlesen. Gleich- oder Ähnlichklingendes ist in Zahlenwerten ausgedrückt nicht gleich gemeint:
🇩🇪 Familie
3 bis max. 4 Menschen (ohne Gewähr — nicht wissenschaftlich bewiesen)
🇮🇹 famiglia
3 bis max. 10 Menschen — in Süditalien auch bis zu 12 (ohne Gewähr — nicht wissenschaftlich bewiesen)
Als Übersetzer*in und Kenner*in beider Kulturwelten (Deutschland / Italien) muss man den „feinen Unterschied” kennen und ihn in seiner Arbeit – sprich beim Übersetzen – umsetzen können.
Sonne und Mond – das Geschlecht der Gestirne
Bleiben wir beim klassischen Beispiel „Sonne / sole” und „Mond / luna”. Sprachen haben Geschlechter. Das Italienische kennt nur das weibliche (femminile) und das männliche Geschlecht (maschile). Das Deutsche ist ein wenig innovativer und hat gleich drei Geschlechter: das männliche, das weibliche und das sächliche.
Außerdem kann ein Wort in der einen Sprache ein anderes Geschlecht haben als in der anderen. Genau das ist der Fall bei „Sonne / sole” und „Mond / luna”:
„Die Sonne” (weiblich) ≠ „il sole” (männlich)
„Der Mond” (männlich) ≠ „la luna” (weiblich)

Die im Italienischen weibliche „luna” 🌙 verkörpert für einen Italiener die Weiblichkeit schlechthin. Es ist einfach schwer für einen Italiener, sich mit dem deutschen männlichen „Mond” anzufreunden.
Bruder Sonne, Schwester Mond
Vielleicht kennen Sie den Sonnengesang von Franz von Assisi „Bruder Sonne, Schwester Mond”. Im italienischen Original lautet der Sonnengesang „Fratello sole, sorella luna”. Der männliche sole wird von Franz von Assisi als fratello („Bruder”) und die weibliche luna als sorella („Schwester”) bezeichnet und gelobt. Dahinter verbirgt sich die grammatikalische Logik vom italienischen Geschlecht der Begriffe sole (männlich = Bruder) und luna (weiblich = Schwester).

Die Ausdrücke „Bruder Sonne” und „Schwester Mond” klingen für deutsche Ohren befremdlich: Sollten gute Übersetzer*innen die Bezeichnungen „Bruder” und „Schwester” lokalisieren und daraus „Schwester Sonne, Bruder Mond” machen? Assoziieren Deutschsprachige mit dem Mond 🌙 eine männliche ♂ und mit der Sonne ☀ eine weibliche ♀ Komponente? Mit dieser unbeantworteten Frage müssen wir uns geschlagen geben. Tatsache ist: eine wortwörtliche, geschlechtsgenaue Übersetzung wurde bevorzugt – Bücher und Filme tragen den Titel „Bruder Sonne, Schwester Mond”. Es lebe die falsche Lokalisierung 😉
„Du bist, was Du sagst”
Das Schöne an der sprachlichen Vielfalt ist, dass sie uns zeigt, wie einfallsreich und flexibel der menschliche Geist ist.
— eine amerikanische Kognitionswissenschaftlerin
Der menschliche Geist schöpft die Sprache. Die Sprache prägt und formt wiederum den menschlichen Geist. Die Sprache erfindet und erklärt die Realität, genauso wie sich die Realität in der Sprache widerspiegelt.
Du bist, was Du sagst.
Du sagst, was Du bist.
Du denkst vielseitiger, wenn Du mehrere Sprachen sprichst.
Bei dieser stetigen Wechselwirkung zwischen Sprache ⇄ Denkweise jonglieren Übersetzerinnen und Übersetzer mit Wörtern und Begriffen, Gedanken und Bedeutungen, die sich nicht immer leicht und sofort erschließen lassen. Übersetzerinnen und Übersetzer lesen nicht nur „zwischen den Zeilen”, sondern auch „hinter den Begriffen”, die zunächst nur in den Köpfen der Menschen existieren und durch die Sprache „ihren Gang in die Außenwelt finden”.
Wir denken, also sprechen wir. Wir sprechen, also erschaffen wir Dinge in der Außenwelt. Wir sprechen auf eine bestimmte Art und Weise – also denken wir auf eine bestimmte Art und Weise.
Abstrakte Begriffe wie „Liebe”, „Solidarität” oder „Freiheit” existieren zwar nur in unserem Kopf und lassen sich mit unseren Händen nicht anfassen – doch es gibt sie wirklich. Sie sind real. Und unsere Welt braucht eine ganze Menge davon. Faszinierend bleibt die Frage, wie jeder Mensch, der „seine eigene Sprache” spricht und seinen ganz persönlichen „Hauptschlüssel” zur Interpretation und Wahrnehmung der Außenwelt besitzt, solche abstrakten Begriffe wahrnimmt, beschreibt und auslebt.
Begriffe sind wie Mode – der Fall „casino”
Der Begriff von Freiheit im Sinne von „Waffenfreiheit” – etwa in der Schlagzeile „US-Waffengesetze: Wo Freiheit bedeutet, eine Waffe tragen zu dürfen” – ist nicht gleichzusetzen mit dem Verständnis von Freiheit, das ein Sklave im 19. Jahrhundert hatte. Jeder Begriff erfordert den richtigen Zusammenhang – auch in zeitlicher Hinsicht.
Was ich jetzt sage, war früher möglicherweise anders gemeint: beleidigend, (noch) nicht so bekannt, anders aussehend oder kennzeichnend für etwas völlig anderes. Kurzum: Sklaven im 19. Jahrhundert haben sich unter dem Begriff „Freiheit” etwas ganz anderes vorgestellt als wir in unserem Jahrhundert.
Ein passendes Beispiel für Begriffe im Zeitwandel ist der umgangssprachliche italienische Begriff „casino”. Casino bedeutet heutzutage so viel wie „Durcheinander”, „Theater”, „Chaos”, „Zirkus”, „Lärm” und vieles mehr. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts hieß casino in Italien jedoch nichts anderes als „Bordell”, „Freudenhaus” – und war ein vulgärer, unaussprechlicher Begriff für die „anständigen Sprecher*innen” jener Zeit.
Begriffe sind wie Mode: Ihre „Hülle” ändert sich, um zwanzig oder dreißig Jahre später wieder trendig oder beliebt zu sein – aber doch ein wenig anders.
Mit der „Hülle” verändert sich manchmal auch der „Inhalt”. Es kann zu einer Bedeutungsverschiebung kommen (casino im Sinne von „Bordell” → casino im Sinne von „Chaos”). Die Sprache kann sich dem stetigen Zeitwandel nicht entziehen.
Tote und lebende Sprachen
Begriffe – und damit die Sprache – überdauern die Zeit nicht unbeschadet: Sie ändern sich mit ihr. Manche Sprachen sterben aus. In dem Fall spricht man von „toten Sprachen” wie Latein oder Altgriechisch.
Italienisch und Deutsch sind zum Glück noch „lebende Sprachen” und nicht vom Aussterben bedroht. it-sprachvermittler.de – Ihr Italienisch-Übersetzer des „Vertrauens” in München – kann mit beiden lebenden Sprachen souverän umgehen 😉
Egal, ob Sie z.B. die beglaubigte Übersetzung Ihres Ehefähigkeitszeugnisses oder Ihrer Approbationsurkunde benötigen: Als öffentlich bestellter und allgemein beeidigter Übersetzer für die italienische Sprache am Landgericht München I kann it-sprachvermittler.de (oder traduttoregiurato.de) eine amtlich anerkannte Übersetzung aus dem Deutschen ins Italienische und umgekehrt für Sie anfertigen.



oder Deutsch
weiter! 😊