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Espressotrinken in Neapel – was ist ein "caffè sospeso"?

Espressotrinken in Neapel – was ist ein "caffè sospeso"?

Vesuv, Meer, Pizza – und Espresso: Mit Neapel verbindet man vieles. Doch eine ganz besondere Kaffee-Tradition kennen die wenigsten: den caffè sospeso, den „aufgeschobenen Espresso”. Eine Geste, ein Akt der Nächstenliebe, ganz typisch neapolitanisch.

Caffè sospeso – was bedeutet das?

In Italien gibt es keine andere Stadt, die kreativer und erfinderischer als Neapel ist. Mit Neapel und den Neapolitanern verbindet man den Vesuv, das Meer, das schöne Chaos in den engen Gassen der Innenstadt, die allgegenwärtige Pizza und selbstverständlich den neapolitanischen Kaffee, il caffè – einen Espresso, natürlich.

In Neapel existiert eine Kaffee-Tradition, die die wenigsten kennen: der sogenannte caffè sospeso. Was bedeutet „caffè sospeso” überhaupt – und was verbirgt sich hinter dem Espresso in der Warteschleife bzw. dem aufgeschobenen Espresso? Eine fantasievolle Erfindung eines Volkes, dessen Kreativität keine Grenzen kennt – im positiven wie im negativen Sinne zugleich.

Der „aufgeschobene” Espresso (auf Neapolitanisch o café suspiso, auf Hochitalienisch il caffè sospeso) ist nichts anderes als ein Espresso, den man in einer bar (Café) in Neapel bezahlt, ohne ihn zu trinken. Man zahlt also für zwei Espressi – getrunken wird jedoch nur einer. Wozu das Ganze?

Ein Akt der Nächstenliebe

Die Antwort ist denkbar einfach: Einen Espresso trinkt man selbst, der zweite wird im Voraus bezahlt und demjenigen geschenkt, der sich keinen Espresso leisten kann. Keine Abzocke, kein neapolitanischer Schwindel für Touristen, sondern eine Geste – ein Akt der Nächstenliebe. Solidarität für einen bedürftigen, mittellosen Gast, der sich in der bar keinen Espresso leisten kann. Man spendiert einem unbekannten Menschen einen Espresso, ohne ihn jemals zu kennen.

So etwas, denken viele, gibt es nur in Italien – und vor allem in Neapel. Man geht sozusagen in Vorleistung: Der Espresso ist bereits bezahlt, der Genuss wird buchstäblich „aufgeschoben”.

Zwei Theorien über die Entstehung

Woher stammt diese Gepflogenheit, und wie ist sie entstanden? Es gibt zwei Denkschulen.

Erste Theorie: Der caffè sospeso entstand während des Zweiten Weltkriegs. Wer es sich in der Kriegs- bzw. Krisenzeit leisten konnte, überließ demjenigen, der den Espresso nicht kaufen konnte, einen im Voraus bezahlten Kaffee.

Zweite Theorie: Beim Kaffeetrinken in Gesellschaft kommt es in der lauten bar oft zu Verwirrung darüber, wer einen Espresso getrunken hat und wer nicht. Der Barista am Tresen stellt daher mehrere Espressi in Rechnung, die eigentlich nicht getrunken wurden. Die Gäste verlangen kein Restgeld zurück, sondern lassen es im Café liegen – für zukünftige Bedürftige.

So beschreibt der italienische Schriftsteller und Philosoph Luciano De Crescenzo den caffè sospeso in einem seiner Bücher (Quelle → Amazon.it):

Wenn ein Neapolitaner aus irgendeinem Grund glücklich ist, bezahlt er nicht nur für einen Espresso, den er trinken würde, sondern für zwei – einen für sich selbst und einen für den Kunden, der als Nächster dran ist. Es ist so, als würde man dem Rest der Welt einen Espresso spendieren.

— Luciano De Crescenzo

Caffè sospeso heute: 50 Euro nach dem Lockdown

Italiener und Espresso: Der Kaffeegenuss ist aus dem Bel Paese nicht wegzudenken. Am 18. Mai 2020 – dem Tag, an dem die sogenannte „Phase 2” (fase 2) in Italien nach einem 53-tägigen Lockdown (10.03.2020 bis 03.05.2020) mit der Wiedereröffnung von Bars, Restaurants und Friseurläden richtig in Schwung kommt – ereignet sich in einem süditalienischen Café in Marsala ein bemerkenswerter Fall, wie die italienische Tageszeitung La Repubblicahier berichtet:

Der Gast zieht es vor, anonym zu bleiben – denn was zählt, ist die Geste, die mit dem Herzen gemacht wird. Er bestellt seinen langersehnten Espresso in der bar zum ersten Mal nach dem Lockdown, gibt einen 50-Euro-Schein an der Kasse ab, will aber kein Rückgeld. Der Restbetrag ist nämlich für all die Espressi gedacht, die er in der Lockdown-Zeit nicht trinken konnte. Eine Art caffè sospeso für die bar selbst – im Wert von 50 Euro.

→ Hier geht es zum Video auf La Repubblica

Genießen Sie Ihren nächsten Espresso bewusster

In diesem Sinne: Genießen Sie Ihren Espresso umso mehr, wenn Sie das nächste Mal einen trinken – und denken Sie vielleicht an diejenigen, die sich diesen kleinen Luxus nicht leisten können. Es sind oft die ganz kleinen Alltagsgesten wie das Espressotrinken, die das Leben lebenswert machen.

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